100 Jahre Caritasverband für Berlin  

Festrede zum 100. Jubiläum des Berliner Caritasverbandes e.V. (10. März 2001)

Not ist allein mit milden Gaben nicht zu lindern
Aufgaben und Engagement der christlichen Laien in unserer Gesellschaft

Prof. Dr. Hans Joachim Meyer
Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken 

In der Heiligen Schrift sind Not und Armut kein Grund zur Reform oder Revolution der Gesellschaft. Der Arme ist ein Nächster, der von Gott geliebt und ausgezeichnet wird und deshalb in besonderer Weise Anspruch auf Achtung und mitmenschliche Zuwendung hat. Die Armen sind gleichsam der Testfall, ob der nächste wirklich als Mitmensch angenommen wird, denn sie brauchen nicht schöne Worte, sondern konkrete Hilfe. Und dies ist kein Akt der Herablassung, denn Christus selbst hat sich mit den Armen identifiziert, als er sagte: "Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan." Im 2. Korintherbrief (Kap. 8, 1-15) begründet Paulus seine Bitte um konkrete Hilfe mit dem Beispiel Christi und gibt damit zugleich ein Beispiel für frühe Caritas:

"Brüder wir wollen euch jetzt von der Gnade erzählen, die Gott den Gemeinden Mazedoniens erwiesen hat. Während sie durch große Not geprüft wurden, verwandelten sich ihre übergroße Freude und ihre tiefe Armut in den Reichtum ihres selbstlosen Gebens. Ich bezeuge, dass sie nach Kräften und sogar über ihre Kräfte spendeten, ganz von sich aus, indem sie sich geradezu aufdrängten und uns um die Gunst baten, zur Hilfeleistung für die Heiligen beitragen zu dürfen. Und über unsere Erwartungen hinaus haben sie sich eingesetzt, zunächst für den Herrn, aber auch für uns, wie es Gottes Wille war.

Daraufhin ermutigten wir Titus, dieses Liebeswerk, das er früher bei euch begonnen hatte, nun auch zu vollenden. Wie ihr aber an allem reich seid, an Glauben, Rede und Erkenntnis, an jedem Eifer und an der Liebe, die wir in euch begründet haben, so sollt ihr euch an diesem Liebeswerk beteiligen. Ich meine das nicht als strenge Weisung, aber ich gebe euch Gelegenheit, angesichts des Eifers anderer auch eure Liebe als echt zu erweisen. Denn ihr wisst, was Jesus Christus, unser Herr, in seiner Liebe getan hat: Er, der reich war, wurde euretwegen arm, um euch durch seine Armut reich zu machen. Ich gebe euch nur einen Rat, der euch helfen soll; ihr habt ja schon voriges Jahr angefangen, etwas zu unternehmen, und zwar aus eigenem Entschluss. Jetzt sollt ihr das Begonnene zu Ende führen, damit das Ergebnis dem guten Willen entspricht - je nach eurem Besitz. Wenn nämlich der gute Wille da ist, dann ist jeder willkommen mit dem, was er hat, und man fragt nicht nach dem, was er nicht hat. Denn es geht nicht darum, dass ihr in Not geratet, indem ihr anderen helft; es geht um einen Ausgleich. Im Augenblick soll euer Überfluss ihrem Mangel abhelfen, damit auch ihr Überfluss einmal eurem Mangel abhilft. So soll ein Ausgleich entstehen, wie es in der Schrift heißt. Wer viel gesammelt hatte, hatte nicht zu viel, und wer wenig, hatte nicht zu wenig."

Ein durchaus konkretes Hilfsprogramm also. Seine Begründung ist, wie die christliche Botschaft insgesamt, allen Zeiten gesagt. Der christliche Glaube wirkt und muss gelebt werden in einer bestimmten geschichtlichen Zeit und in einer konkreten Gesellschaft. Die Christen, denen der Apostel Paulus schrieb, bildeten eine Gemeinschaft, die die soziale Ungleichheit ihrer Mitglieder überwand oder doch zumindest zurückstellte in der Gemeinsamkeit des Glaubens und des davon geprägten Lebens. So waren damals die christlichen Gemeinden eine Alternative zu der sie umgebenden Gesellschaft, die ganz wesentlich bestimmt war vom Gegensatz zwischen Machtlosen und Machthabern, Armen und Reichen, Sklaven und Sklavenhaltern.

Nachdem das Christentum zur vorherrschenden und staatlich anerkannten Religion geworden war, wurde das gesellschaftliche Außen zum Innern der Gemeinden und damit der Beziehungen zwischen Christen. Jetzt war es die sich als christlich verstehende Gesellschaft, die Gegensätze von Macht und Besitz in sich schloss und die soziale Not als ein typisches Merkmal aufwies. Christliche Hilfe und christlicher Liebesdienst als Frühform kirchlicher Caritas mussten sich damit als Wohltätigkeit in der Gesellschaft bewähren, die oben und unten und arm und reich weithin als selbstverständlich und durch Geburt vorgegeben ansah. Insbesondere zum Selbstverständnis der feudalen Gesellschaft gehörte es, dass Menschen einem bestimmten Stand fest zugeordnet und diese sich aus der Geburt ergebenen sozialen Unterschiede von Gott gewollt waren. Für den Christen, der höher stand und reicher war als andere, war dies eine Chance zum Gutsein und zu guten Werken, die dem Einzelnen halfen, aber die Struktur nicht antasteten. Das galt auch für caritative Institutionen, die von der Kirche eingerichtet oder für die Kirche von Großen in der Gesellschaft gestiftet wurden. Auch sie wollten durch Mildtätigkeit Not lindern, aber diese als soziale Erscheinung zu beseitigen oder ihre Gründe zu mindern, lag jenseits ihrer Vorstellung.

Das blieb zunächst auch so in der allmählich entstehenden städtischen und frühbürgerlichen Gesellschaft. Auch diese war geprägt von sozialen Unterschieden und Gegensätzen und, verglichen mit späteren Phasen der Geschichte, von relativer Stabilität. Aber die soziale Stellung hing nicht oder nicht mehr ausschließlich von der Geburt ab, sondern wurde zunehmend Ausdruck eigenen Erfolgs, den man gern der eigenen Tüchtigkeit zuschrieb. Um einigermaßen faire Startbedingungen dafür kümmerte man sich freilich nicht. Im Gegenteil: im Zeitalter der Reformation wurde unter dem Einfluß Calvins der Erfolg als sichtbarer Beweis göttlicher Gnade betrachtet, dessen sich der Tüchtige erfreuen kann. Es ist dies eine Haltung, die bis heute in den USA viele Armut primär als eine Sache der persönlichen Verantwortung betrachten lässt.

Generell jedoch führte, vor allem in Europa, der offenkundige Zusammenhang zwischen dem Handeln und den Handlungsmöglichkeiten von Menschen und ihrem sozialen Erfolg oder Misserfolg zu der Einsicht, dass die Bedingungen in der Gesellschaft dafür günstig oder ungünstig sein können. Der nächste Schritt im Denken war die Erkenntnis der Veränderbarkeit der Gesellschaft und die Einsicht in die Notwendigkeit ihrer Veränderung. Soziale Not als gesellschaftlich bedingtes Phänomen zu beseitigen oder zu verringern, konnte damit zum erklärten Ziel gesellschaftlichen Handelns und gesellschaftlicher Programmatik werden. Freilich gab es dabei von Anfang an den prinzipiellen Unterschied zwischen der Reform der Gesellschaft oder ihrer revolutionären Ersetzung durch eine andere Ordnung. Kern dieses Unterschieds war, wie die Rolle des Eigentums beurteilt wurde. Betrachtete man dieses, wie Karl Marx, als Basis der gesellschaftlichen Gegensätze, von denen auch die Machtverhältnisse abhängen, und hoffte man deshalb durch eine Vergesellschaftung von Eigentum auch jede Macht von Menschen über Menschen zu beseitigen, dann war es nur konsequent, die Milderung konkreter Fälle sozialer Not als nachrangig, wenn nicht sogar als gefährlich, weil systemstabilisierend zu betrachten. Dann war es auch folgerichtig, individuelle Freiheiten gering zu schätzen, da sie dem Bedürftigen und Notleidenden wenig oder nichts bedeuten. Und waren die Revolutionäre erst einmal zur Macht gekommen, so konnten individuelle Freiheiten nur stören und dem politischen und ideologischen Gegner nützen. Soziale Sicherheit wurde so zu einem höheren Wert als individuelle Freiheit. Wer den real existierenden Sozialismus aus eigenem Erleben kennt, hat noch im Ohr, dass das Recht auf Arbeit zum wichtigsten Menschenrecht proklamiert und gegen die je eigene Meinungs- und Entscheidungsfreiheit ausgespielt wurde.

Mit dieser Erinnerung will ich gewiss nicht die Bedeutung von sozialer Sicherheit als gesellschaftliche Aufgabe und politische Verantwortung diskreditieren, schon deshalb nicht, weil dies einem heute einflussreichen Trend in der Öffentlichkeit entspricht. Auch bekenne ich, dass es für mich - wie gewiss auch für andere Menschen aus der DDR - zu den überraschenden, um nicht zu sagen schockierenden Erfahrungen nach 1990 gehört, dass sich bei Vertretern einer bestimmten westlichen Lebensart die Kürzung von staatlichen Sozialausgaben und die Teilnahme an Wohltätigkeitsbällen zur Linderung sozialer Not offenbar durchaus miteinander vertragen können. Aber auch dies kann den grundsätzlichen Unterschied zwischen Reform und Revolution nicht aufheben und gescheiterte Systeme, die sich als revolutionär bezeichneten, nicht rehabilitieren.

Da sich Christen nicht der Illusion hingeben können, durch menschliches Handeln ein Reich ewiger Harmonie und Glückseligkeit zu errichten, ist die Revolution für sie allenfalls ein Mittel zum Sturz politischer Tyrannei, aber nicht zur gewaltsamen und radikalen gesellschaftlichen Veränderung. Man hat ihnen daher den Vorwurf gemacht, es käme nicht darauf an, die Welt als guter Mensch zu verlassen, sondern vielmehr eine bessere Welt zu verlassen. Das ist für den Christen eine falsche Alternative, weil sie letztlich jede Gewalt rechtfertigt und das zur Rechtfertigung dienende Ziel eine Fata Morgana bleibt. Es gibt nicht die Gesellschaft ungestörter sozialer Harmonie und zugleich unbegrenzter individueller Entfaltung. Statt dessen setzt der Christ auf nüchternes und hartnäckiges Bemühen für eine Verbesserung der Gesellschaft und glaubt dabei nicht an einen stetigen Fortschritt.

Ein wichtiger Beitrag dazu, dass dies gemeinschaftlich, entschlossen und realistisch ins Werk gesetzt und zu einer gestaltenden Kraft der modernen Gesellschaft wurde, ist der Katholischen Soziallehre zu danken. Zu ihrem Ansatz gehört wesentlich, von Grundsätzen auszugehen und sich nicht von Anfang an auf bestimmte Strukturen zu fixieren. Das hat ihr den Vorwurf eingetragen, idealistisch zu sein, statt die soziale Realität zu analysieren und überhaupt ziemlich altmodisch zu klingen. Als Beispiel wähle ich ganz willkürlich einen Abschnitt aus Joseph Höffners Christlicher Gesellschaftslehre von 1975:

"Gerechtigkeit und Liebe schließen einander nicht aus, sondern sichern erst in ihrer Verbundenheit den Bestand und die Entfaltung der menschlichen Gesellschaft. ‚Beide sind Ausstrahlungen desselben Gottesgeistes, Programm und Siegel der Würde des Menschengeistes. Beide ergänzen sich gegenseitig, wirken zusammen, beleben und stützen sich, reichen sich die Hand auf dem Weg zu Eintracht und Frieden' (Pius XII). Das Recht hat etwas Hartes und Trennendes an sich; es ist unabhängig von Gefühl und Neigung. Mithin kann die Gerechtigkeit, ‚so treu sie auch immer geübt werde ..., nur den Streitstoff sozialer Konflikte aus der Welt schaffen; die Herzen innerlich zu verbinden vermag sie nicht'. Sozialer Friede und Zusammenarbeit unter den Menschen setzen ‚innere Gesinnungsverbundenheit' voraus, was nicht heißt, dass die Liebe ein Ersatz ‚für geschuldete, aber versagte Gerechtigkeit' sein könne (Enzyklika "Quadrogesimo anno", 137). Der Arbeiter hat es ‚nicht nötig, das als Almosen anzunehmen, was ihm nach der Gerechtigkeit gebührt; noch kann man versuchen, sich von den schweren, durch die Gerechtigkeit auferlegten Pflichten mit kleinen Gaben der Barmherzigkeit loszukaufen' (Pius XI: Enzyklika "Divini Redemptoris", AAS XXIX., p.91)." (S. 73)

Abgesehen davon, dass in Texten wie diesem trotz der gegenwartsentrückten Sprache gültige Wahrheiten formuliert sind, so z.B. hier, dass Not mit milden Gaben allein nicht beizukommen ist, sondern soziale Gerechtigkeit eingefordert wird, ist die Katholische Soziallehre durch diese gleichsam grundsätzliche Vorgehensweise in der Praxis dazu befähigt worden, von überholten oder realitätsfernen Vorstellungen abzurücken ( man denke nur an die ständestaatlichen Illusionen in der Enzyklika Quadrogesimo Anno), statt dessen in ihren konkreten Modellen und Lösungsansätzen auf die Wirklichkeit zu reagieren und so diese erfolgreich zu gestalten.

Nachdem die Katholische Soziallehre zunächst wesentlich Anttil daran hatte, arbeitenden Menschen ein politische Bewusstsein zu vermitteln und diese zur sozialen Aktion zu mobilisieren, wurde sie in der Zeit nach dem II. Weltkrieg neben der reformistischen Tradition der Sozialdemokratie - im Zusammenwirken mit der evangelischen Sozialethik - zur wichtigen geistigen Quelle der westeuropäischen Sozialpolitik und der westeuropäischen Sozialstaaten. Damit hat sie Teil an deren Erfolgen und an deren Grenzen. Die Leistungsfähigkeit der sozialen Marktwirtschaft und des demokratischen Rechtsstaates während eines halben Jahrhunderts kontrastierte mit dem Scheitern der staatlichen Zentralplanwirtschaft und der zentralistischen politischen und ideologischen Diktatur, die sich als Sozialismus bezeichnete. Dabei ist sicher unstreitig, dass der Erfolg sozialstaatlicher Politik auch befördert wurde durch den Wettbewerb der beiden gesellschaftlichen Systeme. Tatsächlich kann man nach der Niederlage des staatssozialistischen Systems aus gewissen Äußerungen und Tendenzen den Eindruck gewinnen, dass manche meinen, nun brauche man in der siegreichen Gesellschaftsordnung des Westens nicht mehr allzu viel sozialstaatliche Rücksicht zu nehmen. Das passt ja auch durchaus zum Triumphgeschrei des zum Egoismus pervertierten Individualismus und dessen Hang zur gesellschaftlichen Verantwortungslosigkeit.

Allerdings scheinen mir die eigentlichen Gründe für die Krise der Sozialpolitik tiefer zu liegen. Hier denke ich insbesondere an die neue Rolle des Wissens, die sich aus der erneuten Beschleunigung des wissenschaftlichen und technologischen Fortschritts ergibt und die einerseits zu einem enormen Anstieg des Investitionsbedarfs führt, um die Wettbewerbsfähigkeit von Arbeitsplätzen durch den Einsatz vergegenständlichten Wissens zu sichern, und die andererseits die Möglichkeit zum weltweiten Einsatz von Wissen und zu seiner grenzüberschreitenden Kombination schafft. Der sich daraus ergebende globale Wettbewerb befördert das Entstehen einer globalen Wirtschaft mit erheblichen wirtschaftlichen, finanziellen, sozialen und politischen Konsequenzen.

Die gravierende Folge für die Sozialpolitik besteht darin, dass die weltweite Konkurrenz die Gestaltungskraft des Staates schwächt. Dessen gesetzgeberische Kompetenzen und dessen Möglichkeit zur Umverteilung des Nationaleinkommens waren aber weithin das Ziel sozialpolitischer Programmatik. Ganz generell verkleinern sich die Handlungsfelder der Politik, wenn sich auch die an sie gerichteten Erwartungen nicht verringern. Überdies verliert die Politik an Autorität, da sie auf Grund der Unübersichtlichkeit der geschichtlichen Situation und des Zwangs zu konsensualen Lösungsversuchen keine klaren Alternativen präsentieren kann und ihr so in der öffentlichen Auseinandersetzung ein Mangel an Problemlösungskompetenz vorgeworfen wird. Schließlich wird die Politik inzwischen fast permanent als Ort von Skandalen enthüllt, was, wie jeder halbwegs redliche historische Vergleich zeigt, die Realität in grotesker Weise verzerrt und nach meiner Überzeugung vor allem dazu dient, politische Abstinenz, Abwehr sozialer Pflichten und eine sich ausbreitende hedonistische Egozentrik zu rechtfertigen. Nichts schützt besser vor sozialen Pflichten als der Dreck, den man auf andere wirft.

Die Tendenzen zur Schwächung von Staat und Politik bedrohen auch die gegenwärtige und künftige Wirkungsmöglichkeit der Caritas, da ihre Arbeit eingebettet ist in die über Jahrzehnte gewachsene Sozialgesetzgebung der Bundesrepublik. Dabei sind es nicht nur der Globalisierungsdruck und die abnehmende Gestaltungskraft des Staates, die der weiteren Entwicklung enge Grenzen setzen, sondern auch der Kern der modernen Sozialpolitik ist gefährdet, dass nämlich allein durch milde Gaben soziale Not nicht zu lindern oder allenfalls punktuell ein wenig zu lindern ist. Denn der Kern der Sozialgesetzgebung besteht bekanntlich darin, dass die Wohltätigkeit von Reichen und Mächtigen durch den Rechtsanspruch des Bedürftigen ersetzt wurde. Dass dies ein wesentlicher Fortschritt war, ist unstreitig. Im Jahre 1927 hat Carl Sonnenschein, der Großstadtapostel des Berliner Katholizismus auf dem 66. Deutschen Katholikentag in Dortmund gesagt:

"Gesetz ist primärer als Caritas. Gesetz ist Sachlichkeit, Struktur, Rohbau. Ein sozialschöpferisches Gesetz erledigt tausendfache Caritas. Wir wollen uns freuen, wenn Nothilfe überflüssig wird. Besser ein starkes Siedlungsgesetz und zwanzigtausend gesunde Wohnungen, als die Flickarbeit der Mithilfe für die unmöglichen Zimmer des Hinterhauses. Unser Ziel ist nicht, feuchte Wände mit caritativer Tapete zu bekleben."

In unserer Zeit der glorifizierten Deregulierung ist dies ein sehr ungewöhnliches Loblied auf den Vorzug und die Leistungskraft von Gesetzen. Gleichwohl ist heute unverkennbar, dass durch die Sozialgesetzgebung der solidarische Zusammenschluss von Menschen, um ihre Risiken gemeinsam zu tragen, zu einem solidarisch haftenden Sicherheitssystem wurde, das der Einzelne nur noch als Apparat zur Erfüllung von Rechtsansprüchen erfährt. Dessen weithin bürokratischer und darum anonymer Charakter verführt dazu, ein Maximum von Leistungen herauszuholen, was, wenn das in einer größeren Zahl von Fällen geschieht, das System überfordern muss und dieses zur Leistungsminderung und Beitragserhöhung zwingt. Auf diesem Weg haben wir schon ein gutes Stück abwärts hinter uns, und natürlich trifft es jene besonders hart, die dringend auf die Solidargemeinschaft angewiesen sind. In der Bundesrepubik war und ist besonders zukunftsgefährdend, dass die Altersversorgung weitgehend auf den individuellen Rechtsanspruch des einzelnen Berufstätigen zugeschnitten wurde. Das führte mit unausweichlicher Konsequenz dazu, Single-Existenzen und Kinderlose deutlich zu Lasten der Familien und deren Bereitschaft, Kinder zu haben, zu bevorzugen und ließ an die Stelle einer kinderorientierten Lebensgemeinschaft von Mann und Frau die Lebensabschnittsgemeinschaft zur je individuellen Glückserfüllung treten, wobei sich das Geschlecht des dafür bevorzugten Partners nach der jeweiligen Neigung richtet. Inzwischen sind die jahrzehntelang gerade?u hysterisch geleugneten demographischen Folgen dieser Fehlsteuerung so katastrophal, dass sie das gesamte System der beitragsfinanzierten Altersversorgung in Frage stellen.

Gleichzeitig wächst die soziale Not, und die Anforderungen an individuelle und solidarische Hilfe nehmen zu. Die Zwei-Drittel-Gesellschaft ist eine reale Gefahr. Beruflicher und sozialer Misserfolg bedrohen auch jene, die sich dem Leistungsanspruch der heutigen Gesellschaft nicht entziehen. Das gesellschaftliche Leben zeigt Tendenzen zur Segmentierung und Atomisierung, die von den Propheten des Individualismus euphorisch begrüßt und gefeiert werden und die tatsächlich die Gesellschaft kälter werden lassen. Was ich vor zehn Jahren schockiert in Detroit sehen konnte, dass sich nämlich in einer Wüste urbaner Zerstörung wohl behütete Inseln der Erfolgreichen etablieren, scheint sich auszubreiten. Und an Stelle des ärmer werdenden Staates, dessen Steueranspruch sich Gewitzte immer mehr entziehen, treten Menschen, die über mehr Kapital verfügen als ich pro Jahr in Sachsen für Kultur und Wissenschaft ausgeben kann, und die als Mäzene und Sponsoren erst gewonnen werden müssen. Selbstverständlich ist das keine zureichende und in sich allein zutreffende Beschreibung unserer Situation. Aber als Ansagen, dass der Auftrag, unter dem die Caritas angetreten ist, aktuell bleibt, sind diese Feststellungen berechtigt.

Was wird, was kann die Caritas in dieser Gesellschaft eines raschen Wandels, die aber keine klar erkennbaren Gestaltungsrichtungen zeigt, bewirken? Vor allem ist und bleibt sie ein Ort der praktischen Hilfe für den Nächsten. Keine noch so wohl begründete und effizient organisierte sozialpolitische Aktion hebt diesen Wert auf. Carl Sonnenschein sagte in seiner Dortmunder Rede:

"Zwischen die Register der Behörden fällt doch immer wieder, durch allen Staub und durch alle Maschinen systematischer Arbeit, des Menschen Schicksal! Die Welt lässt sich in Sprechstunden nicht erledigen! Über aller Kartothek und aller Sprechstunde muss der Mensch stehen. Dem du über die Tische hinweg die Hand reichst. Keine psychoanalytische Prüfung erschöpft die Geheimnisse der Not. So hat die lebendige Caritas, die feinste, die menschlichste, die vornehmste Aktivität, die ich mir denken kann ihren Platz."

Zugleich bleibt aber die Caritas ein Anwalt der sozialen Gerechtigkeit und des so motivierten politischen und gesellschaftlichen Handelns, damit die Not nicht nur durch die Mitmenschlichkeit und milde Gaben gelindert wird. In dieser Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs bedeutet dies einerseits, sich allen Versuchen zu widersetzen, zum Nachtwächterstaat des 19. Jahrhunderts zurückzukehren und allein dem konkurrenzbeherrschten Markt zu vertrauen, der angeblich alles richten wird. Es bedeutet aber andererseits, nicht blind das Bestehende zu verteidigen und sich auf das Funktionieren von Apparaten zu verlassen, sondern es erfordert, nach neuen Modellen von Solidarität zu suchen, die deren gemeinschaftsstiftende Grundbedeutung wieder lebendig und erfahrbar machen. Der Begriff der Beteiligungsgerechtigkeit, der Rechte und Pflichten wieder in ein unmittelbares Verhältnis setzen will, könnte dafür fruchtbar sein. Jedenfalls brauchen wir ein erneutes Bemühen, um die Tendenzen der gesellschaftlichen Bewegung zu erkennen und zu verstehen, und ein größeres katholisches Engagement in der gesellschaftlichen Debatte, um eine realistische Programmatik zu entwickeln und dafür Verbündete zu gewinnen. Das ist allerdings etwas anderes, als ständig an den Staat und die Politik zu appellieren und zugleich diese zu beschimpfen.

Freilich: Wer Menschen für neue Ansätze und Initiativen interessieren und gewinnen will, muss angreifen. Ein neues gesellschaftliches Bewusstsein entsteht nicht dadurch, dass man dem vorherrschenden Bewusstsein nachläuft oder sich ihm angleicht. Wer in unserer oberflächlichen Spaßgesellschaft Angst vor Häme hat, wird sein christliches Profil nicht schärfen und vielleicht nicht einmal selbst erkennen. Und wer ununterscheidbar ist, macht sich überflüssig. Das bedeutet allerdings nicht, jenen fundamentalistischen Feuilletonpropheten zu folgen, die das gesellschaftliche Engagement von Christen verhöhnen und allen Ernstes fordern, die Kirche möge sich in eine feste Burg zurückziehen und so den Glauben vor den Stürmen der Geschichte bewahren. Der Glaube lebt in jeder Zeit neu und in jeder Zeit konkret. Gottes Geist weht in jeder Gesellschaft und in jeder neuen Phase der Geschichte. Er lässt sich von niemandem auf die Vergangenheit festlegen. Der Christ ist nur Christ, wenn er auch Mitmensch und Zeitgenosse ist. Das bedeutet nicht, sich dem Zeitgeist auszuliefern. Christliche Zeitgenossenschaft ist zugleich kritisch, weil sie die Frohe Botschaft als den Geist der Veränderung und der Zukunft in die Zeit hineinbringt, und sie ist solidarisch, weil uns die Sorgen und Nöte unserer Mitmenschen nicht gleichgültig sein können. Wir nehmen ihre Fragen ernst und antworten darauf als Christen, sei es gelegen oder ungelegen, aber im Geist des frei und froh machenden Evangeliums. In diesem Geiste lindert die Caritas individuelle Not und hilft durch ihr sozialpolitisches Engagement dazu, die sozialen Ursachen der Not zu beseitigen oder zu vermindern. In der schon erwähnten Rede sagte Carl Sonnenschein:

"Die Zelle der Caritas ist kein verträumtes Landhaus. Jenseits der Straße. Sondern telephonumschlungene, verkehrsumrauschte Zentrale! Mitten zwischen die Büros, die Kassen, die Stuben der Menschen gebaut."

In einer Zeit der PCs, der E-Mails und der Faxgeräte ist Sonnenscheins Metapher von der telephonumschlungenen Zentrale nicht mehr taufrisch. Aber der Gedanke, den er ausdrücken wollte, bleibt taufrisch und wird es auch noch in weiteren hundert Jahren des Bestehens der Berliner Caritas sein.