Diepgen gratuliert Berliner Caritas zum 100. Gründungstag
Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Eberhard Diepgen, erklärt anlässlich des 100-jährigen Bestehens des Caritasverbandes für Berlin e.V. am 10. März 2001 unter anderem:
"Ubi caritas et amor deus ibi est" (wo die Caritas und die Liebe ist, da ist Gott). In der bevorstehenden Karwoche wird dieser altehrwürdige gregorianische Gesang aus dem Mittelalter zumindest in einigen Kirchen des Erzbistums erklingen. Und tatsächlich ist es so: Wo in Verantwortung vor Gott und den Menschen christliche Nächstenliebe waltet und schaltet, da ist Gott gegenwärtig.
Aber ich will hier weder die Predigt, noch die Festrede vorwegnehmen, sondern ich möchte allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Berliner Caritas zum 100. Gründungstag ihrer Mutterorganisation gratulieren und für ihre sicher oft schwere, immer doch sinnstiftende und wichtige Arbeit von Herzen danken. Die Caritas und vergleichbare gemeinnützige Organisationen aus dem Paritätischen Wohlfahrtsverband sind das Herz der Stadt, die mit mitunter doch etwas kalt und glatt mit ihrem modernen Gesicht aus Stahl, Stein und Glas daherkommt und auch in ihrer alten Substanz immer wieder der mitmenschlichen Zuwendung bedarf.
Aus meiner Sicht hat die Caritas zwei strukturelle Aufgaben, mit denen sie dem Wohl der Stadt dient: Zum einen ist sie ein gesellschaftlich relevanter Träger von Bildungs-, Gesundheits- und Sozialeinrichtungen, beispielsweise von Kindergärten oder Krankenhäusern, von Schwangerschaftsberatung oder Sozialstationen. Wir wollen diese Trägervielfalt und sind froh darüber, dass sie sich auch in den östlichen Bezirken nach und nach durchsetzt. Wir stehen zu der Drittelparität aus städtischen, privaten und gemeinnützigen Trägern. Wir werden auch angesichts der unabweisbaren Sparzwänge darauf achten, dass dieses Gleichgewicht nicht belastet wird.
Zum zweiten kümmert sich die Caritas um die Menschen, die mit dem Tempo unserer Zeit nicht Schritt halten können, die aus der Bahn Geworfenen, Verlassenen und Vergessenen, beispielsweise mit ihrer Sucht- oder Schuldnerberatung, mit Suppenküche, Obdachlosenasyl und Telefonseelsorge. Es ist sicher nicht die Aufgabe der Wohlfahrtsorganisationen, zu entscheiden, wer berechtigterweise ins Land und hier bleiben darf, aber es ist ihre Aufgabe, sich um alle zu kümmern, die hier sind, ganz unabhängig von ihrer Staats- oder Volkszugehörigkeit.
Wir haben uns mit dem letzten Jahrhundert auch - so hoffe ich jedenfalls - vom Jahrhundert des Totalitarismus verabschiedet, wir haben Abschied genommen vom totalitären, vom totipotenten Staat. Nach den grässlichen Erfahrungen von zwei Weltkriegen und zwei Diktaturen auf deutschem Boden ist uns das nicht schwergefallen. Aber wir müssen auch erkennen: Der Staat hat keine Alleinzuständigkeit, er kann nicht die alleinige Verantwortung für die physische und psychische Wohlfahrt jedes einzelnen übernehmen, er muss sich auf seine Kernaufgaben besinnen, muss Platz lassen und Raum geben für Eigeninitiative, Selbstverantwortlichkeit und bürgerschaftliches Engagement. In diesem Sinne ist mir die ehrenamtliche Arbeit in der Caritas besonders wichtig, nicht als Lückenbüßer, das wäre ein rückwärts gewandtes Verständnis des 20. Jahrhunderts, sondern als freie Entscheidung und freie Zuwendung freier und selbstbewusster Bürger, die in dieser caritativen Tätigkeit ein Stück ihrer Identität finden.
Dass sich die Caritas das zu Herzen nimmt, das wünsche ich ihr und mir, das wünsche ich Berlin für die nächsten 100 Jahre, dann wird es auch für die Zukunft so sein, dass dort, wo die Caritas wirkt, Gott zu finden ist.
Vielen Dank.
